PIERRE BOULEZ

Integrationsfigur der Moderne nach 1945 und interpret mit klarem Verstand 


Man geht wohl nicht fehl mit der Behauptung, dass das XX. Jahrhundert erst mit dem Tod von Pierre Boulez am 5. Jänner 2016 endgültig zu Ende gegangen ist; musikhistorisch betrachtet zumindest. War doch kaum eine Persönlichkeit dermaßen prägend für die Geschicke der sogenannten Neuen Musik wie der 1925 im französischen Montbrison geborene Komponist, Dirigent, Lehrer und Kulturphilosoph. Sein Name stand für die musikalische Avantgarde – und das in all ihren Ausprägungen, mit all ihren Brüchen und Verwerfungen seit den Fünfzigerjahren.
Viel zitiert – und wenn auch aus dem Zusammenhang eines „Spiegel“-Interviews gerissen, dennoch idealtypisch für die Grundstimmung der künstlerischen Fortschrittsgläubigkeit in der Ära des Aufbruchs nach dem Zweiten Weltkrieg – ist der Ausspruch, man möge doch die Opernhäuser in die Luft sprengen. Die Verehrer und Parteigänger von Boulez trugen diesen Satz wie eine Standarte vor sich her.

Etwas vom Selbstwertgefühl der Avantgarde schwingt bis heute mit, wenn man ihn zitiert, nun schon als historisch gewordenes Bonmot. In Wahrheit war Pierre Boulez selbst stets eher ein Versöhner, wenn er auch als Aktionist eine Zeitlang mit Gleichgesinnten Aufführungen von Musik störte, solange sie allzu sehr nach Dur und Moll, nach Vergangenem, überwunden Geglaubtem tönten.
Er selbst, ausgebildeter Mathematiker, huldigte in seinem schmalen, doch epochemachenden Schaffen nach rational-kargem Beginn rasch wieder einer Art Neo-Impressionismus, in dessen farbigem, fein schattiertem Klangspektrum die minutiös berechneten Konglomerate aus rhythmisch vertrackten, melodisch-motivischen Teilchenstrukturen durchaus wohlklingende Gestalt annahmen.
„Hören Sie mal, was Sie da von den Musikern verlangen, das ist unmenschlich“, brachte Gottfried von Einem, einer der echten Boulez-Antipoden, die Kritik der Traditionalisten auf den Punkt, die Spieler wie Hörer vor all zu viel „seriellen Happenings“ (so Hans Werner Henze) in Schutz nehmen wollten. Doch war ein Pierre Boulez immer schon weiter als seine Kritiker, lugte mit der nächsten Uraufführung schon wieder hinter einem ganz anderen Winkerl hervor als aus dem, in das man ihn zuvor gestellt zu haben glaubte.
Er war ja auch als Opernhaus-Terrorist trotz allen vollmundigen Ankündigungen nicht zu gebrauchen, sondern engagierte sich am Pult bedeutender Symphonieorchester (Südwestfunk, Cleveland, BBC, New York Philharmonic) nicht nur für Zeitgenössisches, sondern auch für Beethoven oder Brahms.
Dass ausgerechnet er zum Nachfolger eines Leonard Bernstein in New York werden würde, erstaunte die Musikwelt 1971 gar nicht mehr, denn schon 1966 hatte Wolfgang Wagner angeklopft und den musikalischen Gottseibeiuns als Dirigent des „Parsifal“ nach Bayreuth berufen.
Mir nichts, dir nichts, stand der Kompositionsschüler Olivier Messiaens in den Fußstapfen von Hans Knappertsbusch. Und es war Boulez, der im Verein mit Patrice Chéreau 1976 zum 100-Jahr-Jubiläum der Tetralogie den neuen, den bald so genannten Jahrhundert-Ring herausbrachte. Wild umfehdet bei der Premiere, dann geradezu als Heiligtum verabschiedet 1980. In dem halben Jahrzehnt hatte die Wagner-Rezeptionsgeschichte tatsächlich einen Jahrhundert-Schritt getan, dessen globale Wirkungsmacht Mitte der Siebzigerjahre niemand zu prophezeien gewagt hätte.
Das war typisch Boulez. Seinem Engagement bei den Darmstädter Ferienkursen und der Gründung des Ensembles intercontemporain verdanken sich das Selbstbewusstsein zweier Komponistengenerationen und die Gründungen zahlreicher Spezialensembles für Neue Musik in aller Welt.
Auch, dass in Paris eine neue Philharmonie gebaut wurde, geht ausschließlich auf Boulez' Anregung zurück. Was immer er tat, es schien Vorbildwirkung zu haben. Dass er sämtliche seiner Aktionen wortgewaltig zu untermauern wusste, sicherte ihm den Status eines lebenden Denkmals für den musikalischen Fortschritt.
Dabei hatte der radikale Erneuerer Pierre Boulez seine kompositorische Tätigkeit bald auf ein Minimum reduziert. Vermutungen, er könnte einmal eine Oper komponieren, wie sie von manchen Intendanten hoffnungsfroh ins Leben gesetzt wurden, quittierte er stets mit einem ironischen Lächeln. Tatsächlich wurde nicht einmal die projektierte Orchesterfassung sämtlicher seiner frühen „Notations“ für Klavier vollendet. Freilich: Wann immer er ein älteres Stück wieder zur Hand nahm, gab er ihm eine neue Gestalt. Dass die Welt, auch die musikalische, in stetem Wandel befindlich ist und sein soll, war sein Credo.
Und dass die Welt sich nicht mit einmal vorgefertigten Vorstellungen ideologischer Natur abgeben sollte. Schon 1951, auf dem Höhepunkt der stilistischen Auseinandersetzungen zwischen den sogenannten Serialisten, den Nachfolgern der sogenannten Wiener Schule, und den Parteigängern einer virtuellen „Gegenseite“, postulierte Boulez zum Erstaunen aller: „Schönberg ist tot, Strawinsky lebt.“ Und setzte Musik von Bartók auf seine symphonischen Programme.
Als wollte er sagen: Bleibt wach! Und neugierig!

Wir geloben . . .

 
Sinkothek Banner schmaljpg