Rene Clemencic

Dem musikalischen Kabbalisten zum 90. Geburtstag

René Clemencic und sein Consortium präsentieren ihrem Publikum seit Jahr und Tag im Brahmssaal des Wiener Musikvereins Staunenerregendes. Seine Zuhörer immer wieder zu überraschen, das ist die Stärke dieses Universalgelehrten unter den Musikern. Beim Forschen und Graben in den Archiven wird er nicht müde. Kaum eines seiner Konzertprogramme hat sich über die Jahrzehnte hin je wiederholt. Wer die Zyklen verfolgt hat, staunt auch über die Vielfalt des Celmencic-Repertoires, das vom frühen Mittelalter bis in die Klassik reicht.
Wobei er jene Zeitalter besonders gern berücksichtigt, in denen es für die Menschheit noch keineswegs selbstverständlich war, Melodien vor allem in Dur und Moll zu singen. Es ist ja so: Die Originalklang-Mode hat uns eine Erweiterung des Horizonts um einige Jahrzehnte gebracht. Bis hinunter zu Monteverdi sind uns die Großmeister der Musikgeschichte mittlerweile nicht nur dem Namen nach, sondern auch dank vieler klingender Beispiele in den Konzertsälen, Opernhäusern und vor allem auf Tonträgern vertraut.
Was vor dem „Orfeo“ liegt, ist weitaus weniger „gängig“. Die Dur-Moll-Grenze scheint doch recht undurchlässig für den musikalischen Normalverbraucher zu sein.
René Clemencic hat sich davon nie irritieren lassen. Sein Publikum auch nicht. Es hat durch diesen Künstler unendlich viel lernen dürfen.

Natürlich feierte der aktivere Neunzigjährigen auch seinen runden Geburtstag mit Live-Auftritten. Ein paar Wochen, nachdem er im Musikvereinszyklus Madrigale und Chansons aus der Renaissance vorgestellt, musizierte er Kompositionen für Tasteninstrumente aus der nämlichen Ära auf seinem Lieblingsinstrument, dem Clavichord  im Salvatorsaal in Wien Mariahilf, um dasselbe Programm wenig später in einem Schulkonzert für den Nachwuchs in Tirol zu erläutern. Von einer Art Ruhestand kann bei diesem Mann keine Rede sein. Er hat sein ganzes Leben gelesen, geschrieben, studiert, exzerpiert, arrangiert, probiert und musiziert – und komponiert natürlich, das darf man nie vergessen: Kaum einem seiner Kollegen ist es gelungen, die fortwährende Beschäftigung mit der sogenannten alten in Energie für immer „neue“ Musik umzumünzen.

Clemencic ist Forscher, Interpret und schöpferischer Geist in einem – das alles gehört untrennbar zusammen, Reflexionen von Troubadourgesängen und Echos von Klängen der Musik des Ostens durchfluten manche seiner Werke; die Lektüre mythologischer, geistlicher, meditativer Texte aus fernen Tagen – in allen erdenklichen Sprachen – inspiriert ihn ebenso wie das Studium historischer Musikhandschriften und Drucke; natürlich weiß er längst, was er mit seinem Consort im Anflug auf seinen 91. Geburtstag im Brahmssaal aufspielen wird: Im Jänner 2019 gibt es Kompositionen von Adrian Willaert zu hören.

Sein Publikum weiß, dass sich in Konzerten von René Clemencic kaum je etwas wiederholt. Wer eines versäumt hat, wird wohl nicht einmal in seinem Plattenschrank oder auf dem CD-Regal fündig, denn das Repertoire des Universalisten scheint unversieglich. So wird seinen Zuhörer so wenig jemals langweilig wie ihm selbst.

Schon vor Jahren ist ein dicker Band mit den gesammelten Einführungstexten zu den Konzerten erschienen, die Clemencic und sein Consort im Musikverein über die Jahrzehnte hin gegeben haben. Das ist schon eine Art Musikgeschichtelehrbuch der unterhaltsamen Sorte. 152 verschiedene Programme mit Musik aus mehreren Jahrhunderten – von einstimmigen Gesängen bis zu hochkomplexer Polyphonie aus Mittelalter und Früher Neuzeit.

Bei all dem Reichtum sind die Schöpfungen des Komponisten Clemencic noch gar nicht mitbedacht. In den jüngst vergangenen Spielzeiten hat allein das kreativ-originelle Sirene-Operntheater Kammeropern wie „Nachts unter der steinernen Brücke“ (2009), „Harun und Dschafar (2011) und „Gilgamesch“ (2015) zur Uraufführung gebracht.

Schon in dieser kurzen Liste spiegelt sich die Fülle der Sujets wider, die Clemencic beschäftigten und die seinen Œuvre-Katalog so schillernd erscheinen lassen: Ob „Kabbala“ (ein Oratorium von 1992) oder „Monduntergang“ (eine Operette aus dem Jahr 2007) – einengen hat sich dieser Künstler nie lassen . . .



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