HERBERT ZIPPER

Der Komponist des "Dachau-Liedes" im Gespräch  (1995)

Von Dachau in den Wiener Musikvereinssaal 

Er hat das Konzentrationslager Dachau, wo er das von Jura Soyfer gedichtete "Dachau-Lied" in Musik setzte, überlebt - und kehrte ohne Groll nach vielen Jahren der musikalischen Aufbauarbeit in Los Angeles und Manila in seine Heimatstadt zurück: Herbert Zipper im Gespräch über Schönberg, Karajan, den Wiederaufbau nach 1945 und seine wichtigsten Lehrmeister.

Aufgewachsen ist Herbert Zipper, Jahrgang 1904, in Wien. Seine Lehrer an der Wiener Akademie hießen Joseph Marx und Eusebius Mandiczewski – das war die klassisch-romantische Linie in der direkten Nachfolge von Johannes Brahms. Zipper, der zarte, geistig unglaublich rege und wendige alte Herr, erinnert sich: "Brahms war ja zu meiner Jugend noch so etwas wie zeitgenössische Musik. Er ist nur ein paar Jahre vor meiner Geburt gestorben." Auch sein Unterricht bei Arnold Schönberg, den er "geheim" genoß, war nicht zuletzt auf der Tradition aufbauend: "Am meisten habe ich von Schönberg über Brahms gelernt." Schönbergs kompositorische Qualitäten sind für Zipper heute durchaus differenziert zu betrachten: "Sagen wir bis zum Pierrot lunaire kann das Publikum mit. Das war immer ein Erfolg. Ich erinnere mich, in den sechziger Jahren eine Aufnahme davon gemacht zu haben, die dreimal wieder aufgelegt werden mußte."

Was danach kam, war aus Zippers Sicht problematisch. "Dennoch können sie Schönberg nicht wegdiskutieren. Er ist ein Monolith, ohne den die Musikgeschichte nicht mehr denkbar ist. Aber er wollte die Musik zu etwas zwingen, was gegen ihre Natur war." Herbert Zipper bewertet die Entwicklung der zeitgenössischen Musik seit 1900 mit dem kritischen Blick dessen, der ihre Grundlagen von der Pike auf studiert hat und als Lehrer auch zeitlebens weitergegeben hat: "Bis heute unterrichte ich strengen Satz. Ich nenne ihn das Skelett der Musik. Die genialen Komponisten sorgen immer nur für die Ausschmückung."

Mit Karajan dirigiert

Vor diesem Hintergrund seien Schönbergs Lehren zum Teil zum Scheitern verurteilt gewesen. Zipper selbst will sich nirgends einordnen. "Ich komponiere, wie mir der Schnabel gewachsen ist." Daß ihn Wien heute mit Orden und Auszeichnungen ehrt, nimmt der Komponist mit verschmitztem Lächeln zur Kenntnis: "Ich habe am Morzinplatz damals unterschreiben müssen, daß ich dieses Land nie wieder betrete", erinnert er sich, "mir ist bis heute ein Rätsel, daß sich intelligente Menschen – ich rede nicht von der breiten Masse – für den Nationalsozialismus engagieren konnten. Die mußten doch wissen, daß aus Wien, einst eine geistige Metropole, eine Provinzstadt werden würde. . ."

Bestürzend "positiv" wirkt Zippers Blick auf seine Zeit in Dachau: "Ich habe nirgends so viel gelernt wie dort. Da sehen sie den nackten Menschen in seinen Extremen – wie tief er fallen kann; und zu welcher Größe er wachsen kann. Da waren Minister, die Söhne von Franz Ferdinand und der Grünzeughändler aus Galizien. Manche haben vorher nicht gewußt, wie groß sie sein konnten." Später lehrte Herbert Zipper, der in seiner Jugend noch mit dem vier Jahre jüngeren Herbert von Karajan Akademie-Feste arrangiert (und dirigiert) hatte, in Fernost und in Amerika, baute das Schönberg-Institut in Los Angeles; und weigerte sich, der Einladung von Hans Weigel zu folgen, in Wien das Kulturleben nach '45 wieder mit aufzubauen: "Ich habe ihm geschrieben, man braucht mich in Wien nicht. Da sind so viele, die genau so viel können wie ich. In Manila aber, wo ich damals war, da war ein Bedarf an Musikern aus Wien."

Dieses Selbstverständnis – Weigel hat es Zipper nie verziehen – nährt des Komponisten künstlerisches Ego bis heute: "Ich habe gestern im Stadtschulrat einen langen Vortrag gehalten, um die Leute zu überzeugen, daß es eine Katastrophe wäre, den Musikunterricht in den Schulen zurückzudrängen. Nicht für Österreich. Da hält sich so etwas ohnehin nicht lang und wird wieder rückgängig gemacht. Aber als Signal für die Welt. Amerika zum Beispiel schaut immer noch nach Wien, wenn es um musikalische Fragen geht. Wenn die sehen, daß man hier die musische Bildung zurückdrängt, dann glauben die auch, daß man sie nicht braucht. Aber, denken Sie doch bitte nach: Wer interessiert sich heute noch für die Frage, was die Börse vor 3000 Jahren in Ägypten gemacht hat? Die Kunst erhält sich über die ganze Geschichte hinweg und trägt sie. Sie ist eine Mitteilung, die unersetzlich ist, weil sie dort anfängt, wo die logische Erklärung aufhört."


Herbert Zipper starb zwei Jahre nach diesem Gespräch, am 21. April 1997 in Santa Monica


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