ANTIPODEN: GUSTAV MAHLER - HUGO WOLF

Zwei höchst unterschiedliche musikalische Meister kamen im selben Jahr zur Welt  


"Auch kleine Dinge können uns entzücken“, heißt es im Eingang von Hugo Wolfs „Italienischem Liederbuch“. Für den im selben Jahr geborenen Kollegen Gustav Mahler hätte das nicht zum Stammbuchspruch getaugt. Für Wolf selbst kann dieses Lied als symbolhaft gelten. Während Mahler der symphonischen Form zu riesenhaft aufgeblähtem Nachleben verhalf, konzentrierte sich Wolfs Schaffen auf die Miniaturform des Liedes. Alles Streben nach (architektonisch betrachtet) Höherem, Ausgreifenderem, scheiterte kläglich. Die große Form – an der zerbrach er, scheint's, denn der „Corregidor“, sein einziges vollendetes Bühnenwerk, ist alles eher denn ein Musikdrama, ein Liederspiel vielleicht.

Schicksalsjahr 1897: Mahler, designierter Direktor der Wiener Hofoper, empfängt den Studenten-Kameraden und teilt ihm mit, den „Corregidor“ könne er nicht aufführen, es stünden so viele wichtige Erstaufführungen an. Wolf, verbittert, verfällt, wie oft, in antisemitische Aufwallungen; vor allem aber: Sein durch die luetische Krankheit bedingter Wahnsinn bricht wenige Wochen später voll aus: Zum Hofoperndirektor sei er ernannt worden, verkündet er den verdutzten Freunden, Mahler habe er „ausgeschaltet“.

Von einem mehrwöchigen Intermezzo abgesehen, wird Hugo Wolf die Mauern der Irrenanstalt nicht mehr verlassen. Sein Ruf ist damals bereits enorm. Unter Eingeweihten. Ein eigener Verein kümmert sich um den elend Zugrundegehenden. Mahler baut derweilen seinen Ruhm als unerbittlicher Reformator des Opernbetriebs aus. Wenige Wochen nach Wolfs Tod bringt er den „Corregidor“ doch zur Erstaufführung, nicht überzeugt, wohl aber wehmütigen Angedenkens an vergangene gemeinsame Tage.

Im Wien der Ringstraßen-Ära galten Wolf und Mahler, die Gleichaltrigen aus der Provinz (der eine aus der Gegend von Iglau, der andere aus Windischgraz zugereist) mit dem zwei Jahre älteren Hans Rott als die mit Abstand Begabtesten unter den jungen Musikern. Rott – aus dem gleichen Grund wie Wolf früh aus dem Leben gerissen – wird mit seiner Symphonie in E-Dur zum Ideengeber: Manche Passage aus den ersten Mahler-Symphonien tönen verdächtig nach Rott. Der Anspruch, die symphonische Form noch über Brahms – ja, was die Dimensionen betrifft, sogar über Bruckner hinaus zu entwickeln, ist bei ihm grundgelegt.

Was Wolf und Mahler posthum entzweit: Mahlers Prophezeiung, „Meine Zeit wird kommen“, trifft ein: 100 Jahre später ist er einer der meistaufgeführten Komponisten des symphonischen Repertoires. Wolf hingegen bleibt den Connaisseurs. Selbst die Fürsprache bedeutender Interpreten kann nichts daran ändern, dass ein reiner Hugo-Wolf-Abend für die Veranstalter auch anno 2010 noch als Wagnis im Angesicht des Kassenrapports gilt. In der Musikwissenschaft ist es modisch, Wolf sogar als eine Art komponierenden Dilettanten abzutun.

Wolfs Zeit wird vielleicht kommen, wenn solche Anwürfe sich als haltlos erweisen. Dazu müssten sich freilich die Koordinaten wieder einmal verschieben. Wie sie sich verschoben haben, als man die Vorwürfe der Banalität und der Großmannssucht, jahrzehntelang gegen Mahler erhoben, zu hinterfragen begann. Als man überlegte, ob nicht einfach der Standpunkt, von dem aus man urteilte, gewechselt werden konnte. Mit einem Mal erkannte man die zerborstenen klassischen Formen als Gewinn für die Moderne – oder besser: für die Postmoderne. Der Freibrief war damit ausgestellt, man durfte sich im Konzertsaal sozusagen guten Gewissens dem Schwelgen hingeben, Musikdramen in Symphonieform genießen.

Wolf hingegen hat die Liedform zum Miniaturdrama konzentriert – gleichsam im Gegenzug zu Mahler, der ja über seine Vierte meinte, sie beginne, „als ob sie nicht bis drei zählen könne“, rechne dann aber bald mit Millionen und Milliarden. Wolf übt sich in der Introspektion. Er erforscht die Bezirke, die weit hinter dem Komma liegen.

Das erfordert die äußerste Hingabe nicht nur der Ausführenden, sondern auch die des Hörers. Und da liegt das Problem. Wolf teilt das Schicksal mit Anton Webern – von dem die Wissenschaft in höchsten Tönen spricht, dessen Musik aber im Konzertbetrieb völlig inexistent ist. Wer bringt schon die Kraft zur Sammlung auf, die nötig ist, um ein 40-Sekunden-Stück überhaupt zur Kenntnis zu nehmen, geschweige denn in seiner filigranen Architektonik wirklich wahrzunehmen.

Wie meinte schon Peter Altenbergs Vater zu den impressionistischen Wortvignetten seines Sohnes: „Was verdienst du eigentlich mit den Sachen [...] kaum fangen sie an, sind sie schon wieder zu Ende?“

Hundert Jahre später hat die Menschheit ihr Aufmerksamkeitspotenzial gegenüber den „kleinen Dingen“ eher zurückgebildet. „Entzücken“ lässt man sich von allem, was in Breitwandformat serviert wird.

Die Rückschlüsse, die beide Meister, Mahler und Wolf, aus Wagners Opernrevolution zogen, sind in Wahrheit von gleicher Intensität und Qualität. Allein die Lust durchs Teleskop zu schauen scheint heute viel ausgeprägter als die, via Mikroskop die Unendlichkeit in die andere Richtung zu ergründen zu versuchen.

Wen können sie wirklich „entzücken“, die „kleinen Dinge“?


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