Der ZUAG'RASTE ROSENKAVALIER

Wie wienerisch war der Münchner Richard Strauss ?




Zu den vielen Komponisten, die Wien sozusagen adoptiert hat, gehört auch Richard Strauss. Wie Johann, Joseph und Eduard hat auch er Walzer komponiert, wurde allerdings in München geboren. Auf Hugo von Hofmannsthals Libretto hat er die wienerische Walzeroper "Der Rossenkavalier" komponiert. Wieviel Wienerisches steckte in diesem Bajuwaren? Als der Schöpfer der „Salome“ und der „Elektra“ im Jahr 1921 in New York erschien, kündigten die amerikanischen Zeitungen sein Kommen immerhin mit einer Abbildung des Johann-Strauß-Denkmals im Wiener Stadtpark an. 

Also, Walzer hat er jedenfalls viele komponiert. Geradezu populär wurde das „Mit mir, mit mir, keine Nacht dir zu lang“ aus dem „Rosenkavalier“. Die Melodie basiert allerdings auf Joseph Strauß' „Dynamiden“ !

Von seiner Wesensart her war Richard Strauss alles andere als ein Wiener. Die Mentalität der hiesigen Bevölkerung taxierte der mütterlicherseits aus der Bierbrauerdynastie Pschorr stammende Münchner mit dem ihm eigenen, sehr kritisch-weltoffenen Blick zwar wohlwollend, aber distanziert.

„Recht g'schieht ihm.“ Im Briefwechsel mit seinem Dichter-Zwilling Hugo von Hofmannsthal, einem Fin-de-siècle-Wiener, wie er im Buche steht, ist die Distanz des öfteren zum Greifen nahe. „Als ich nach Berlin kam“, schrieb Hofmannsthal in der Entstehungszeit des von ihm angeregten Balletts „Josephs Legende“ im Jänner 1914, „hatte ich mich recht gefreut, dass ich etwas von der Musik des ,Joseph‘ hören würde und lauerte im Gespräch, ob sich eine Wendung ergeben würde, die mir Ihre Bereitwilligkeit andeutete, mich etwas von diesem noch verborgenen Schönen genießen zu lassen. Aber es kam nichts: direkt aber zu bitten, fühlte ich mich immer gehemmt.“

Da kontert Strauss, sein Libretto-Dichter sei doch „ein rechter Wiener“: „Statt mir einfach zu sagen: lieber Doktor, spielen Sie mir was aus ,Joseph' vor, warten Sie auf eine Wendung im Gespräch, die sich nicht ergibt und schreiben mir nachträglich einen Brief. Geschieht Ihnen schon recht.“

So war er. Dass Hofmannsthal seinen „Schwierigen“ sagen lässt, „das simple Faktum, dass man etwas ausspricht, ist indezent“ – eine Art „Brief des Lord Chandos“ im Telegrammstil – mag als Programm fürs Wien der Belle Epoque herhalten. Einem rundheraus seine Meinung sagenden Richard Strauss konnte man so nicht kommen.


Mit dem Stellwagen.
Der warf selbst einem Stefan Zweig anno 1935 bedenkenlos Vokabeln wie „Dieser jüdische Eigensinn! Da soll man nicht Antisemit werden“ an den Kopf, ohne dass wache Geister angesichts seiner Handlungen und Schriften ihm je vorwerfen dürften, er sei auch nur im Ansatz Antisemit oder NS-Sympathisant gewesen.

Strauss forderte auch von seinen Textdichtern Klarheit, kompromissloses dramaturgisches Denken. Selbst Hofmannsthal zwang er, ganze Akte (etwa den mittleren Aufzug des „Rosenkavaliers“) umzuschreiben. Vermutlich hatte sein Bühneninstinkt immer recht, wenn er auch spät im Leben bekannte, der Dichter hätte seinen „nicht immer ganz einwandfreien Geschmack“ gebildet.

Die Produkte der Symbiose zweier völlig unvereinbar scheinender Geister hatten jeweils zweifelsfrei wenig mit dem zu tun, was jeder der beiden bei sich erträumt hatte. Für Hofmannsthal kamen alle Stücke zu sehr im Harnisch des „Wagnerschen Musizierpanzers“ einher. Der Briefwechsel ist voll von flehentlichen Bitten um einen leichteren Tonfall. Im Falle der „Ägyptischen Helena“ fällt mehrmals sogar das Wort Operette.

Und auch wenn man Alma Mahlers Kommentaren stets skeptisch begegnen sollte: Weit hergeholt ist ihr Bericht vielleicht nicht, dass Hofmannsthal nach einer Aufführung von Franz Lehárs „Libellentanz“ geäußert haben soll, es wäre schön gewesen, wenn der Meister der „Lustigen Witwe“ den „Rosenkavalier“ komponiert hätte . . .

Der Reiz der meisten gemeinsamen Schöpfungen dieser ästhetischen Antipoden liegt gerade in deren theoretischer Unvereinbarkeit: hofmannsthaleskes Filigran, gebrochen durch die Strauss'sche Theaterpranke, das ergibt die Quadratur des Opernkreises – mit „Ariadne auf Naxos“ als Gipfelwerk; deren endgültiger Gestalt eine der wenigen Strauss-Uraufführungen an Wiener Staatsoper galt.

Außerdem überließ der Komponist dem Haus am Ring während seiner Direktionszeit noch die „Frau ohne Schatten“ und das Ballett „Schlagobers“, das immerhin beim Demel angesiedelt ist und dem Firmling zuckersüße Konditorei-Träume samt dazugehöriger Magenverstimmung einträgt. Die Verstimmung zeigte sich auch beim Publikum, das in Zeiten der Wirtschaftskrise weder etwas von einer aufwendigen Zauberoper noch von tanzenden Knallbonbons wissen wollte.

Aber sozial- oder andere politische Rücksichtnahmen waren von Strauss nicht zu erwarten. Im Übrigen wusste er seine Wiener schon zu behandeln und richtig einzuschätzen. Als man den gewesenen preußischen Hofkapellmeister fragte, warum er denn ausgerechnet nach Wien ginge, wo die Leute doch notorisch „falsch“ seien, wusste er Rat: „Die Leut' sind überall falsch, aber in Wien sind sie so angenehm falsch.“


„Überzahlt“.
1924 machten ihn denn seine Heimatstadt München und Wien gleichzeitig zum Ehrenbürger. Seinen Wohnsitz nahm der Meister, der im Sommer in seiner Villa in Garmisch residierte, fortan in der Wiener Jacquingasse. Dafür überließ er der Nationalbibliothek die Originalmanuskripte des „Rosenkavalier“ und der „Ägyptischen Helena“ und der Stadtbibliothek „Schlagobers“. Außerdem dirigierte er 100 Abende im Opernhaus gratis.

Rechnen konnte er jedenfalls. Und Understatement zählte nicht zu seinem Repertoire: 60.000 Dollar für die Handschriften, 200.000 Schilling für die kapellmeisterischen Dienste:Er habe, meinte er, „meinen Bauplatz anständig bezahlt und wahrscheinlich überzahlt“.

Was viele Musikfreunde nicht wissen, Richard Strauss starb (im Gefolge der Entnazifizierungen) als österreichischer Staatsbürger. Johann Strauß Sohn hingegen war als Bürger Sachsen-Coburgs von uns gegangen.

Verkehrte Welt?


Walzer aus England.
Mit Walzerklängen haben beide der Stadt Wien Denkmäler gesetzt. Und, apropos Unvereinbarkeiten, dass im „Rosenkavalier“ die Ära der Kaiserin Maria Theresia mit den damals noch unbekannten Walzerrhythmus gespiegelt wird, war nicht die Idee von Strauss, sondern verdankt sich einer Anregung Hofmannsthals, der ganz zu Beginn der gemeinsamen Arbeit schrieb: „Lassen Sie sich für den letzten Akt einen altmodischen, teils süßen, teils frechen Wiener Walzer einfallen, der den ganzen Akt durchweben muss,“

Da griff Strauss zu einem Skizzenblatt, auf dem er schon Jahre zuvor, 1903, in einem animierten Augenblick während eines Urlaubs auf der Isle of Wight eine ganze Walzerkette notiert hatte. Ausgehend von dem besagten Joseph-Strauß-Vorbild findet er nach und nach zu immer neuen Themen, die er später im „Rosenkavalier“, in „Intermezzo“, in der „Arabella“ und in „Schlagobers“ verwertete. Jahrzehnte des Dreivierteltakts, in einem Moment aus dem Ärmelkanal geschüttelt, sozusagen . . .





Sinkothek Banner schmaljpg      Beckmessers Diariumjpg