ALFRED SCHNITTKE

Wolgadeutscher mit wienerischen Verbindungen 

Alfred Schnittke ist einer der führenden Köpfe der musikhistorischen Wende zur sogenannten Postmoderne. Mit seiner "Polystilistik", die sich gleichermaßen an avantgardistischen Strömungen wie an der Rückbesinnung auf Möglichkeiten der Dur-Moll-Tonalität orientierte, wurde er zum Inspirator für die Generation des ausgehenden 20 Jahrhunderts. Vor allem die konsequente Pflege seines Werks durch den Geiger Gidon Kremer machte Schnittkes Musik im Westen bekannt.



Sinkothek Banner schmaljpg   Gidon Kremers Aufnahme des ersten Concerto grosso lässt die raffinierte Überlagerungs- und Montagetechnik Schnittkes hören, die (ein Cembalo inklusive) barocke Vorbilder im Sinne einer Klangcollage in neue, mosaikartig wirkende Zusammenhänge bringt.

Als Sohn eines jüdischen deutschen Journalisten und einer Wolgadeutschen in Engels geboren, studierte der junge Schnittke in Wien, wo sein Vater nach Ende des Zweiten Weltkriegs als Korrespondent für eine sowjetische Zeitung tätig war. In Moskau beendete er danach sein Studium, um in den Sechzigerjahren am dortigen Konservatorium zu unterrichten. Ein Schlaganfall brachte 1985 eine Zäsur in Schnittkes Leben. Danach entfaltete er einen unbändigen Schaffensdrang. Die Hälfte seines Werks entstand in dieser Phase. 1990 durfte Schnittke nach Hamburg übersiedeln, wo er 1998 starb.
Wien war Schauplatz der Uraufführung von Schnittkes umfangreichsten Musiktheaterwerk: Die Oper "Gesualdo", die das Leben des adeligen Renaissance-Komponisten und Mörders thematisiert, kam als Auftragswerk an der Staatsoper zur Uraufführung.
An Opern entstanden außerdem "Das Leben mit einem Idioten" und die abendfüllende Theaterfassung einer  "Faust"-Kantate von 1983, die paradigmatisch für Schnittkes persönlichen Stil steht:

FAUST

Mit der Vertonung eines Kapitels aus der mittelalterlichen „Historia von Doktor Johann Fausten“ konnte Schnittke nämlich einen Coup landen. Seine ureigene musikalische Stilmischung aus neobarocken Formelementen, gleitenden Cluster-Harmonien und freien, suggestiv gemalten Klangbildern gab der Geschichte vom letzten Tag des Gelehrten, den im wahrsten Sinne des Wortes der Teufel holt, ein für die damalige Zeit wahrhaft unerhörtes, polystilistisches Klang-Gewand.
Die Erzählungen vom Abschieds-Mahl reflektieren mehr als einmal Bachsche Passions-Musiken, die Höllenfahrt selbst wächst sich zu einem veritablen Todes-Tango aus, der bei entsprechender Interpretation regelrecht  Musical-Charakter gewinnen kann. Doch muss sich der Schlussapplaus auch in der konertanten Fassung des Werks nach dem "Tango" noch kurz gedulden, denn die Kantate endet mit einem besinnlich moralisierenden Schluss-Quartett . . .

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