VIKTOR ULLMANN

1898-1944, ein Genie, ermordet in Auschwitz

Die Eltern waren zum Katholizismus übergetreten, der Vater kurz vor Ende des Ersten Weltkriegs wegen seiner militärischen Verdienste noch in den Adelsstand erhoben worden. Doch für die NS-Rassepolitik war Viktor Ullman Jude. Knapp 46-jährig wurde der Komponist aus dem österreichisch-schlesischen Teschen in Auschwitz ermordet.

In Wien hatte Viktor Ullmann nach der Gymnasialzeit bei Arnold Schönberg studiert, in Prag wurden Alexander von Zemlinsky und der Viertelton-Pionier Alois Hába seine Mentoren. In raffinierter Synthese vermochte Ullmann als Komponist die harmonische Freiheit, die Schönberg und seine Schule durch die Überwindung der Tonalität erreicht hatte, mit traditionellen Stilmitteln zu verbinden. Er selbst sprach von seiner "Polytonalität". 41 Opusnummern umfasste sein Werkkatalog, als er von den Nationalsozialisten nach Theresienstadt deportiert wurde. Darunter sieben Klaviersonaten, eine "symphonische Messe" und eine deutlich von Alban Bergs Klangsprache beeinflusste Oper "Der Sturz des Antichrist", in der drei Gefangene eines autokratischen Herrschers anthroposophische Gedanken reflektieren. Das anonym eingerichte Werk wurde von einer Jury, in der unter anden Egon Wellesz, Ernst Krenek und Alexander von Zemlinsky saßen, mit dem Preis der Wiener Universal Edition ausgezeichnet. Verhandlungen mit der Wiener Oper für eine Uraufführungsprodktion gediehen 1935 weit. Doch kam es erst lange nach Ullmanns Ermordung zu einer Erstpräsentation: "Der Sturz des Antichrist" erklang erstmals 1995 in Bielefeld.

Erlebt hat Ullmann Aufführungen seiner Werke - bitterer Zynismus der Geschichte - in Theresienstadt, wo er mit vielen Gleichgesinnten und anfangs noch voller Hoffnung am Aufbau eines erstaunlich reichen Musiklebens beteiligt war. In Theresienstadt entstanden in den letzten Lebensmonaten Ullmanns zwei bedeutende musiktheatralische Kompositionen, "Die Weise von Liebe und Tod" (nach Rilkes "Cornett") und "Der Kaiser von Atlantis oder: Der Tod dankt ab", in dem auf sublime Weise eine Vision von der Überwindung aller autokratischen Systeme spiegelt. Die Geschichte handelt vom Tod, der einem herzlosen Diktator seine Gefolgschaft verweigert: Die Soldaten, wiewohl schwer verwundet, die Hingerichteten am Strang – sie alle können nicht sterben. Erst die Bereitschaft des Kaisers, sich selbst als erster dem „neuen Tod” hinzugeben, „rettet” die dieserart gequälte Menschheit.

Der "Kaiser von Atlantis" ist in den Jahren der Wiederbesinnung auf die von den Ditaturen des XX. Jahrhunderts verbotene Kunst und Musik wiederholt neu zur Diskussion gestellt worden. Solche Produktionen hinterlassen stets einen bitteren Nachgeschmack. Faszinierend wirkt die ungeniert angewandte stilistische Vielfalt, die der Schönberg-Schüler nutzt: Das Werk ist musikalisch zwischen Hindemithscher Sachlichkeit, dem Song-Ton eines Kurt Weill und Berlinischem Operettenkitsch angesiedelt, dank der handwerklichen Sicherheit seines Autors aber doch immer wieder von dramaturgisch überzeugender Wirkung.

Ein solches Werk ohne entsprechende „Hintergedanken” zu erleben, wird vermutlich nie möglich sein. Jede Aufführung wird zu einem tönenden Holocaust-Mahnmal.

Viktor Ullmann wurde im Oktober 1944 - mit dem selben Transport wie seine Komponistenkollegen Pavel Haas und Hans Krása - aus Theresienstadt nach Auschwitz-Birkenau depoertiert und dort ermordet.


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