Mieczyslaw Weinberg

Musik trotz und gegen Stalin

Diesen Namen kannten bis vor Kurzem nur Eingeweihte: Mieczysław – oder Mojsej – Weinberg. Er war einer der besten Komponisten der Sowjetunion, auch wenn die kommunistischen Machthaber und ihre willfährigen Helfershelfer das gar nicht gern hörten.

Der Reihe nach. Weinberg kam in Polen zur Welt. In eine jüdische Musikerfamilie in Warschau hineingeboren, begann er schon als Kind zu komponieren. Das nötige technische Rüstzeug, soweit es nicht von den Eltern unterrichtet werden konnte, brachte sich der talentierte Knabe selbst bei. Er war gerade 20 Jahre alt, als er vor den deutschen Okkupanten über die russische Grenze in Richtung Osten flüchten musste. Seine jüngere Schwester verkraftete den beschwerlichen Fußmarsch nicht und kehrte um – Weinberg bleib allein und sah seine Familie nie wieder. Das Schicksal teilt er auf zynisch-bittere Weise mit dem gleichaltrigen, aus Krakau gebürtigen Roman Haubenstock-Ramati, der freilich, anders als Weinberg, nach abenteuerlicher Flucht nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Wien landen sollte.

Weinberg blieb in der Sowjetunion, war in Moskau einer der Freunde von Dmitri Schostakowitsch, der – wiewohl selbst immer wieder gefährdet – den Kollegen vor den antisemitischen Verfolgungen der späten Stalin-Zeit zu bewahren wusste.

Erst nach Stalins Tod besserte sich die Situation für Weinberg, wenn er auch nie in die Riege der staatlich besonders geförderten Komponisten aufsteigen sollte.

Was er hinterlassen hat, ist imposant: Mehr als 20 Symphonien, Konzerte, Vokalmusik, aber auch Filmmusik, die immerhin ermöglichte, dass Weinberg ein Millionenpublikum hatte – wenn dieses ihn auch namentlich nicht kannte.

Die Bregenzer Festspiele zeigten 2010 Weinbergs Oper "Die Passagierin" nach dem gleichnamigen Roman der polnischen Auschwitz-Überlebenden Zofa Posmysz, ein 1968 vollendetes Werk der Vergangenheitsbewältigung, dessen Uraufführung von den sowjetischen Behörden trotz vielfacher Intervention konsequent verhindert wurde. Es kam erst 2006 zur konzertanten Erstaufführung.

Der Geiger Gidon Kremer, der für viele bedeutende, doch im Westen völlig unbekannte Komponisten aus dem Reich hinter dem ehemaligen Eisernen Vorhang eine Lanze gebrochen hat, kümmert sich konsequent um Weinbergs Werk.


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